Die Uraufführung von A Hidden Life war im Mai 2019 in Cannes. Jetzt endlich ist der neue Film von Terrence Malick bei uns in den Kinos zu sehen. Ich hab ihn mir zweimal angeschaut: Er ist konsequent schön und schlicht ergreifend. Ein Meisterwerk des Meisters!

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Photo Courtesy of Fox Searchlight Pictures. © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Was für ein Ereignis! Ich war voller Vorfreude und unheimlich aufgeregt als ich realisierte, dass ich einen neuen Film von Terrence Malick im Kino sehen darf. Selbst mit aller Voreingenommenheit einer Verehrerin Malicks wurden meine Erwartungen weit übertroffen. Diese Begeisterung zu teilen ist mir eine Herzensangelegenheit von solcher Tragweite, dass ich hiermit meine erste Filmkritik veröffentlichen muss

Wie alle Filme von Terrence Malick ist auch dieser hier zuerst mal eine Zumutung:
A Hidden Life ist in keiner Weise leichte Kost, weder Inhalt noch Umsetzung sind ohne Weiteres verdaulich. Niemand hat während der dreistündigen Vorstellung Popcorn gegessen. Verglichen mit anderen Filmen von Malick ist dieser aber auch zugänglich: Es gibt weder Fragmente noch Zeitsprünge, die Story ist fassbar und sie wird linear erzählt.

A Hidden Life basiert auf der wahren Geschichte eines einfachen Mannes, der sich weigerte, sich zu Hitler zu bekennen und dafür mit seinem Leben bezahlte.

Der Titel des Films stammt aus dem Roman Middlemarch (1871) von George Eliot:

For the growing good of the world is partly dependent on unhistoric acts; and that things are not so ill with you and me as they might have been is half owing to the number who lived faithfully a hidden life, and rest in unvisited tombs.

Der Bauer Franz Jägerstätter (hervorragend interpretiert von August Diehl) lebt mit seiner Frau Franziska “Fani” (ebenfalls grossartig: Valerie Pachner) und ihren drei kleinen Töchtern im idyllischen Bergdorf St. Radegund in Oberösterreich.
Nachdem sich Österreich an Deutschland angeschlossen hat kommt das laute, verachtende Gedankengut der Nazis bald auch im beschaulichen Dorf der Jägerstätters an. Franz Jägerstätter kann sich der neuen Stimmung nicht anschliessen. Er spürt, dass Unrecht geschieht und gerät zunehmend in Konflikte mit den anderen Dorfbewohnern. Er weiss, dass auch er bald für den Kriegsdienst aufgeboten werden wird.

Als tief religiöser Mensch ist es für Jägerstätter ausgeschlossen, sich an dem Bösen zu beteiligen. Bei der Kirche sucht er vergeblich Rat. Der Pfarrer (Tobias Moretti) verschafft ihm eine Audienz beim Bischof in Linz. Dieser erläutert, dass die Kirche die Gläubigen verpflichte, dem Vaterland zu dienen. Und dass selbst die Kirchenglocken eingeschmolzen und zu Munition verarbeitet würden.
Jägerstätters Einwand lautet: Wenn Gott uns den freien Willen gab, haben wir dann nicht auch die Verantwortung für das, was wir tun und das, was wir nicht tun?

Im Jahr 1943 erhält Franz Jägerstätter das Aufgebot der Armee. Widerwillig rückt er zwar ein, weigert sich jedoch, den obligaten Treueschwur für Hitler zu leisten. Er wird umgehend inhaftiert und verbringt längere Zeit unter Folter und Misshandlung im Gefängnis. Fani und die drei Töchter tragen unterdessen schwere Konsequenzen in der Heimat. Sie werden von der Gemeinschaft verstossen, beraubt und bespuckt.

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Photo by: Reiner Bajo. © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Um frei zu kommen müsste Jägerstätter lediglich ein Papier unterzeichnen, auf dem er schriftlich seine Loyalität zu Hitler bekennt. Den Militärdienst könnte er anstatt auf dem Schlachtfeld in einem Spital leisten. “Unterschreibe hier, und Du wirst frei sein”, sagt sein Anwalt. Worauf Jägerstätter antwortet: “Aber ich bin frei”.
Auch der Richter (Bruno Ganz) am Reichkriegsgericht in Berlin kann die Haltung Jägerstätters nicht ändern. Er wird der “Wehrkraftzersetzung” schuldig gesprochen und am 9. August 1943 auf dem Schafott hingerichtet.

Die katholische Kirche hat das Martyrium des Franz Jägerstätter im Jahr 2007 anerkannt. Er wurde durch Papst Benedikt XVI. seliggesprochen. In Österreich galt Franz Jägerstätter nach dem Krieg noch jahrzehntelang entweder als Verräter oder als Wahnsinniger. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner Geschichte begann erst, als der amerikanische Soziologe Gordon Zahn 1964 eine Biografie über Jägerstätter veröffentlichte.

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Photo Courtesy of Fox Searchlight Pictures.

Valerie Pachner und August Diehl

Die ersten Minuten des Films betonen die Schönheit der Landschaft und die Liebe zwischen Franz und Fani Jägerstätter. Die Familie lebt in einem Paradies im Einklang mit Flora und Fauna. Der Krieg ist so weit weg, dass es ein absurdes Bild abgibt, als die ersten uniformierten Nazis in St. Radegund auftauchen. Man will es gar nicht glauben.

Während das menschliche Drama seinen Lauf nimmt, richtet Malick den Fokus immer wieder auf die Natur, die so viel mächtiger ist als der Mensch und die nicht zwischen Gut und Böse differenziert. Durch diese Multiperspektivität erhebt sich die Erzählung über das Leid, das sie zeigt und setzt alles in einen metaphysischen Gesamtkontext.
Franz und Fani Jägerstätter schöpfen ihre Kraft aus den christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. In den Stunden des Schmerzes fragt Fani: “Why did you create us?”. Doch der Schöpfer antwortet nicht, er lässt die Dinge geschehen. Fani findet Trost bei den Tieren und Franz schreibt aus dem Gefängnis von der Natur in der Heimat, deren wunderbares Grün in diesem Jahr bestimmt noch satter strahle.

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Photo by: Reiner Bajo. © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Was will uns der Regisseur sagen, mit diesem Bilderreigen und den Fragen, die er stellt? Wir wissen es nicht, denn Terrence Malick taucht kaum in der Öffentlichkeit auf und er macht keine Aussagen über sein Werk.
Ich denke, wir sind aufgefordert, unseren Geist und die Freiheit, die er uns gibt, verantwortungsvoll zu gebrauchen. Und wer das Geschenk annehmen will, darf im Kino eine transzendentale Erfahrung machen.
Für mich ist A Hidden Life vorallem auch eine filmische Meditation. Ich bin aus dem Kino heraus gekommen mit nach innen gerichtetem Blick.

A Hidden Life wurde von Juli bis August 2016 vorwiegend im Südtirol (Italien) und in Deutschland gedreht. Die Postproduktion des Films dauerte über zwei Jahre.
Ein klassisches Drehbuch gibt es bei Malick grundsätzlich nicht, schon gar nicht für die Schauspieler. August Diehl und Valerie Pachner bereiteten sich anhand des originalen Briefverkehrs zwischen Franz und Fani Jägerstätter auf ihre Rollen vor. Im Film werden zahlreiche Auszüge aus diesen Briefen aus dem Off verlesen. Ansonsten gibt es wenig Text, es sind die Bilder, die sprechen.

Es handelt sich um den ersten Film von Malick, der voll ganz digital gefilmt wurde. Die Takes (Aufnahme einer Szene) dauerten im Schnitt 28 Minuten lang. Es wurde praktisch den ganzen Tag über durchgehend gefilmt. Alle Aufnahmen wurden ausschliesslich mit natürlichem Licht gemacht. Beim Coloring wurden Primärfarben möglichst vermieden. Die Sättigung von Landschaft und Himmel wurde reduziert.

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Photo by Reiner Bajo. © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Director of Photography Jörg Widmer am Set

A Hidden Life ist ein Film von vollendeter Ästhetik. Die meisten der Aufnahmen wurden mit einer Weitwinkellinse gemacht. Terrence Malick war es ein Anliegen, dass der Zuschauer so viel wie möglich von der Szenerie sehen kann. Die Close ups wiederum gehen so nahe an die Menschen ran, dass nicht der gesamte Körper ins Bild passt. Plötzlich spielen die Hände, die Brust oder ein Hals die Hauptrolle, während im Hintergrund die Weite der Bergwelt und der Himmel sichtbar sind. So können beispielsweise eine paar Finger, die an einem Hemd nuscheln, eine komplexe Gefühlslage direkt vermitteln, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Diese Gleichzeitigkeit von Intimität und Weitsicht ist grandios.

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Photo Courtesy of Fox Searchlight Pictures. © 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

Was mich bei Terrence Malick am meisten beeindruckt, ist seine konsequente Bekenntnis zu den grossen Fragen des Lebens. Er interessiert sich für nichts geringeres als das Universum und die Conditio humana. Malick arbeitet an der Grenze dessen, was filmisch umsetzbar ist. Und an der Grenze all dessen, was sich überhaupt aussprechen lässt. Er nutzt das Medium Film, um Dinge zu zeigen, die anders nicht erzählt werden können. Deshalb ist sein Werk so hohe Kunst.

Terrence Malick wurde am 30. November 1943 in Ottawa (Illinois, USA) geboren. Er schloss sein Bachelor-Studium der Philosophie in Harvard mit summa cum laude ab. Seine Doktorarbeit über Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein am Magdalen College in Oxford brach er ab, weil es zu Meinungsverschiedenheiten mit seinem Betreuer kam.

Den Durchbruch als Regisseur hatte Malick mit seinem ersten Spielfilm Badlands mit Martin Sheen und Sissy Spacek im Jahr 1973.
Sein Film The Tree of Life (2011) mit Brad Pitt und Jessica Chastain wurde mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte der Antikriegsfilm The Thin Red Line (Der schmale Grat) aus dem Jahr 1998.

In Los Angeles werden in diesen Tagen die Oscars verliehen. Leider haben sie dort völlig vergessen, A Hidden Life zu nominieren. Aber ich spüre es ganz klar: Der Meister wird einen Oscar für sein Werk erhalten, sobald der Zeitpunkt endlich gekommen ist.

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